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Gornaya

Manche Leute wickeln sich ihr Vaterland um den Hals, als sei es ein Schal. Die Gefahr, daran zu ersticken, ist freilich grösser, als sich einen fremden Schnupfen zu holen.

Nachts sind bekanntlich alle Katzen grau. Das gilt übrigens für alle Tierarten. Nur wollen sich halt die wenigsten Menschen mit einem Hamster ins Bett legen, auch nicht mit einem Leguan oder einem Langhaaraffen.

Im Strom der Leidenschaften treiben lauter Verflossene.

Er hat sein Herz verloren. Anders als Hänsel und Gretel hat er aber keine Spur gelegt, so dass zu befürchten ist, dass er von nun an vollkommen herzlos durchs Leben gehen wird.

Sweet Home: Der Schoggitaler bewahrt die historischen Bauten vor der Abrissbirne.

Als der Chirurg dem liebeskranken Patienten den Bauch öffnet, flattern ihm zwei Dutzend Schmetterlinge entgegen.

Sie hat sich einen Boxsack gekauft. Jetzt zieht sie sich jeden Abend die Boxhandschuhe an; das tut ihr gut. Gestern hat der Boxsack zurückgeschlagen.

Draussen herrscht ein unglaublicher Lärm. Es gibt niemand mehr, mit dem man schweigen kann.

Der Mensch hat in der Idylle nichts verloren.

Rehe, Steinböcke und Gämsen hängen als Trophäen an der Wand. Einen Löwen würd er sich verbitten. Er will sich nicht von einem Löwen anfauchen lassen.

Wir schaffen neue Arbeitsplätze. Heute in Nanjing oder Bombay, eines Tages auf dem Mars. Wir leben im Zeitalter des Global village. Das versteh ich unter Brüderlichkeit, das ist die wahre Internationale!

Hermann in Nanjing

Bühne

Blick durchs Kaleidoskop

 

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Mentorin beim Theater an der Effingerstrasse

In der Spielzeit 2020/21 fungiert Gornaya als Mentorin im Förderprogramm Schreibstoff des Theaters an der Effingerstrasse.

schreib-stoff.ch

 

 

Auszeichnung des Kantons Bern 2019

Juni 2019

 

Berner Schreibstipendium 2019

Auszeichnung des Kantons Bern 2018

Juni 2018

 

Literarische Auszeichnung des Kantons Bern 2018 

und

Berner Schreibstipendium 2018

Island

Grantler   Es ist sinnlos, zwischen Sein und Schein zu unterscheiden, zu glauben, es gäbe einen Unterschied zwischen Realität und Einbildung. Wir sind dank unsrer Einbildungskraft. Ist Erikson tot, ist er nicht tot? Ich bitte Sie, Kolschitzky, wo ist der Unterschied?

Sanders  Es ist human, wenn wir einen Krüppel einen Bückling machen lassen. Schließlich kann er sich nicht recken. 

Uraufführung September 2017 Konzert Theater Bern

Programmheft

⇒ Interview von Elisabeth Maier in "Theater der Zeit"

Verlag Hartmann & Stauffacher


Nanjing. The Future

Hermann   Wer Geld hat, reist mit seinem kranken Herzen nach China. Dort kriegt er das gesunde Herz von einem, der hingerichtet worden ist.

Der junge Wiesner   Eine vernünftige Kosten-Nutzen-Rechnung. Soll ein gesundes Herz im Grab vermodern?

Alhvit   Ein mutiges Herz, wer möcht das nicht?

Uraufführung Volkstheater Wien März 2017

Verlag Hartmann & Stauffacher

Tresor

Hier bin ich geboren. Was sagt das schon? Die einen wollen hierhin zurück, die andern nichts wie weg von hier, wieder andre bleiben (was nicht heisst, dass sie nichts wollen).

Konzerttheater Bern, Spielzeit 16/17

Friedrich Theodor Fröhlich: Eine musikalisch-literarische Soirée

Glück? Einzelne Momente, die er der Hoffnung verdankt und den nächtlichen Stunden, in denen er komponiert. Doch vor allem ist’s ein Kampf. Der Vater hat es kommen sehen; er weiss, wovon sich in der Schweiz leben lässt: Lehrer muss man werden, Pfarrer, Richter.

Konzerttheater Bern, Spielzeit 16/17

«Die Nackten»

Meister der Selbstinszenierung

Sie sind Meister der Selbstinszenierung: Die Influencerin Juliette, der touristische Hotspots als Hintergrundmotiv für Prada, Gucci & Co. dienen, Dorian, der als Hochstapler davon träumt, in die Geschichte der Architektur einzugehen, oder auch der Wrestler Bad Branko, dessen vorgetäuschter Schmerz die Kassen füllen soll. Was sie antreibt, ist der unbedingte Wille, erfolgreich zu sein, sich nach oben zu kämpfen, selbst wenn man, wie der Banker Albin, ganz unten ist. Schliesslich hat man alles in der Hand; es ist nur eine Frage der Phantasie und der medialen Vermittlung (Social Media sei Dank). Was zählt, ist das Bild. Für einen selbst und für das unersättliche, nach Bildern und Geschichten gierende Publikum. Wozu sich also belasten mit den Abgründen des Lebens? Mit der Todesahnung des Grossvaters etwa oder dem Selbstmord des Vaters. Selbst der Bypass erscheint nur als notwendiger Ausweis von Leistung und Erfolg. Nicht immer jedoch geht die Rechnung auf. Sei es, dass das Drehbuch für das Comeback wahr wird, ein Callgirl namens Jelena auf dem professionellen Spiel besteht oder Justine, die auf der Bühne die Julia gibt, von Dorian plötzlich Wahrhaftigkeit einfordert. So oszilliert das Spiel zwischen der Sehnsucht nach Anerkennung und Ruhm einerseits, den inneren Widersprüchen und dem Kampf, der einmal gewählten Rolle gerecht werden zu müssen, anderseits. Die Selbstvermarktung hat ihren Preis; zur Not geht man auch über Leichen. Am Ende trifft man sich zum grossen Show-Down; während die einen den (Selbst)Betrug erkennen, begleichen die andern ihre Rechnung.

 

Juliette, die Influencerin, liegt beim toten Großvater.

VIELE
Das berührt uns.
Diese Hand berührt uns.
Wir haben ihn nicht gekannt, aber jetzt kennen wir ihn.
Sie zeigt uns ihre innersten Schätze.
Wir dürfen dabei sein, jetzt, wo sie Abschied nimmt.
Ja, wir haben das Glück!
Schließlich haben wir nur einen Sprung aus dem Flugzeug erwartet.
Vielleicht dürfen wir eines Tages auch dabei sein, wenn ein Mensch stirbt.
Möchten Sie nicht auch sehen, wie ein Mensch stirbt?
Das wär ein noch größeres Glück.
Wir würden auf die Augen achten. Sie würden doch auch auf die Augen achten!?
Der magische Augenblick, wenn die Augen brechen.
Es ist unfassbar traurig.
Krass.
Weint sie? Ja, sie weint.
Das geht mir richtig ans Herz.
Mir kommen die Tränen.
Tun Sie sich keinen Zwang an.
Arme Maus.
Sie teilt alles mit uns, Abu Dhabi und jetzt den Tod des Großvaters.
Und auch die Sonnenbrille von Escada –
Sie meinen Dior –
Berührt es Sie nicht auch?
Hand aufs Herz!
Das gefällt uns.
Und weil es uns gefällt, werden wir es auch teilen.
Wer hat schon das Glück, all das festzuhalten, das Hinübergleiten ins Nichts, ins Schwarz?
Schwarz gefällt ihr. Das hat sie selbst gesagt.
Wo bekommt man denn heut noch ein echtes Gefühl?
Man könnte noch näher dran, dann wären wir mittendrin.
Wie sie seine Hand hält, als wäre diese Hand noch warm.
Eine zerbrechliche Hand, ein friedliches Gesicht.
Alles, was sie sagt, kommt von Herzen.
Sie spricht mir aus dem Herzen wie niemand vor ihr.
Es wirkt so friedlich.
Schon 3824 Followern gefällt das. Vorhin waren es erst 3510.
Aber jetzt –
Was macht sie?
So deutlich sieht man das nicht…
Als ob’s darauf ankäme!
Ja, seien Sie nicht päpstlicher als der Papst.
Ist sie nackt?
Nackt neben einem Toten?!
Hat sie nicht das geringste Schamgefühl?
Krass!

Verlag Hartmann & Stauffacher

zu «Island»

Sprache jenseits des psychologischen Charakters

Von Anfang an geht es um Inszenierung. Die Regierung soll (von wollen kann keine Rede sein) die Völkerfreundschaft feiern, den Bruderkuss zelebrieren – mithin die Geschichte der Väter ins Bild setzen. Damit die hehre Völkerverständigung unter Männern nicht durch einen dummen Faux-Pas in Krieg mündet, gibt es bekanntlich das diplomatische Protokoll. Über seine Bedeutung über Jahrhunderte hinweg gibt uns das Staatszeremoniell hinreichend Auskunft. Tatsächlich steht der Regierung das Wasser ausgerechnet an diesem Tag aber bis zum Hals. Seit Jahren schon von der Realität entfremdet – das Land selbst abgeschottet und die Grenzen zu – geht es der Regierung jetzt allein um die Aufrechterhaltung des Status Quo und des Scheins sowie um das Verschleiern dessen, was ist. Ihre einzige Angst: Dass die Inszenierung aus dem Ruder laufen könnte.
Man handelt nicht, spricht dafür umso mehr. Die Tonprotokolle aus den letzten Sitzungen des SED-Zentralkomitees im Herbst 1989 zeigen, wie es sich anhört, wenn Männer im Ausnahmezustand so tun, als könnte man die Tagesordnung weiterführen. Man hält am Vokabular fest, selbst wenn alles um einen herum zusammenbricht. Da die Regierung schon längst nur noch um sich selbst kreist, hat sich das Sprechen in Stereotypen und sinnentleerten Phrasen – sprich: Zitaten – kristallisiert (dass es ausserhalb des Zitierens überhaupt kein Sprechen mehr gibt, beklagt schon Fürst Saurau in Thomas Bernhards Verstörung). Es kommt deshalb nicht von ungefähr, wenn Major Sanders versucht, sich an einen jahrhundertealten Quellentext zu erinnern. Ihr Sprachreservoir entstammt nicht dem lebendigen Hier und Jetzt, sondern schöpft sich aus einer bereits vermittelten Vergangenheit, konkret: aus einem Bericht des Minoriten Johannes von Winterthur über die Schlacht von Morgarten. Es ist eine Art sprachliche Choreographie aus der Gruft heraus, entfremdet von der Wirklichkeit und von jeglicher individueller Wahrheit. Die Phrasen, Versatzstücke und Zitate sind längst an die Stelle der Wirklichkeit getreten und haben sich verselbständigt, so dass der Minister vergisst, was und wen er gerade zitiert, und man eben auch schon mal etwas durcheinanderbringt. Darüber hinaus verweisen die Phrasen auf die Verlogenheit der Regierung. Warum denkt Sanders sofort an Schlachten, wenn es darum geht, eine neue Rede über die Völkerfreundschaft zu entwerfen? Oder warum geht es im ABC der Völkerfreundschaft vor allem darum, Feinde und Ausländer zu benennen und zu beziffern? Der totale Widerstand. Kleinkriegsanleitung für jedermann oder auch ein Wahlkampf-Quiz einer Partei aus dem Jahr 2016 liefern dafür den dafür nötigen Duktus und Gestus. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Missbrauch, ja, zur Perversion an sich idealer Begriffe. Man muss sich dafür nur Erich Mielkes Selbstverständnis als Humanist vergegenwärtigen.
Die ewige Wiederholung, die sprachliche Endlosschleife schützt vor Pannen nicht, im Gegenteil. In Die Schweiz und ihre Skandale kann man nachlesen, was man unter Dilettantismus zu verstehen hat; die Versuchung, 007 oder Indianerlis zu spielen, ist eben mitunter gross. Und mindestens ebenso gross ist die Skrupellosigkeit, wenn es darum geht, den Skandal gegenüber der Öffentlichkeit zu vertuschen; es wird gelogen, dass die Balken brechen. Dass das Spielen weit mehr Lust bereitet als die Wirklichkeit, demonstrieren übrigens auch Sanders und Blomberg-Pappenheim, wenn sie im Wargame Operation Exporter, das als Brettspiel tatsächlich existiert, die Syrieninvasion von 1941 nachstellen.
Die Regierung handelt erst, als sie keinen andern Ausweg mehr sieht. Bezeichnenderweise besteht die «Lösung» in einer neuen Inszenierung, es handelt sich also um ein Spiel im Spiel (nicht zuletzt orientiert man sich dabei am militärischen Gruss). Wenn sie über das Individuum Kolschitzky den Bann ausspricht, erklärt sie ihn für rechtlich schutzlos: Dieser wird zum homo sacer (Agamben) erklärt, den man töten darf, ohne dass es als Mord gilt. So erbringt die Regierung den Beweis ihrer Macht.

Gornaya

Gornaya, deren künstlerische Wurzeln in Riga liegen, ist in der Nähe von Basel aufgewachsen. Nach der Erlangung der Matura und einem Aufenthalt in Israel nahm sie in Basel das Studium der Germanistik und Geschichte auf. Mit 23 Jahren zog sie nach Düsseldorf, wo sie ihr Studium beendete und anschließend in Literaturwissenschaft promovierte. Bereits während des Studiums und später dann ihrer freischaffenden Tätigkeit widmete sich Gornaya dem eigenen literarischen Schreiben und verschiedenen künstlerischen Projekten, wozu insbesondere szenische Lesungen gehörten. Ihr Interesse galt schon früh nicht nur der Vermittlung anderer Autoren, sondern auch spartenübergreifenden Arbeiten.
Während ihrer Zeit als Hausautorin am Konzert Theater Bern in der Spielzeit 2016/17 wurde bereits eine musikalisch-literarische Soirée über den Schweizer Komponisten Friedrich Theodor Fröhlich uraufgeführt. Zudem sind für die Jazz- Liederabende Tresor  aphoristische Texte zu den Themen Heimat, Liebe und Hass entstanden. Im September 2017 folgte die Uraufführung des Stücks Island. Als Freunde sind wir erbarmungslos  (Hartmann & Stauffacher).
Gornayas erstes abendfüllendes Stück Nanjing. The Future  (Hartmann & Stauffacher) wurde am Volkstheater Wien im März 2017 uraufgeführt.
Im Juni 2018 wurde Gornaya mit dem Literaturpreis des Kantons Bern 2018 sowie dem Berner Schreibstipendium 2018 ausgezeichnet. Im Juni 2019 folgte für den Roman Hadir das Schreibstipendium des Kantons Bern.
In der Spielzeit 2020/21 fungiert Gornaya als Mentorin im Förderprogramm Schreibstoff des Theaters an der Effingerstrasse.

Seit 2005 lebt Gornaya in Bern und wahlweise in Wien. Sie arbeitet zur Zeit an einem neuen Stück.

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